Und ohne Tabu explodiert die Welt von Tilman Röhrig

Empfehlung von Anna Zehetmeier

„Dieses Buch hat mich überrascht – und stellenweise auch irritiert. Tilman Röhrig nähert sich Erich Kästner nicht über die bekannten Kinderbücher, sondern zeigt ihn als erwachsenen Autor und Zeitgenossen in den Jahren zwischen Weimarer Republik und Nationalsozialismus. Erzählt wird Kästners Weg von 1927 bis 1945, gemeinsam mit seinen beiden engsten Freunden Erich Ohser (e. o. Plauen) und Erich Knauf. Drei Künstler, drei Lebensentwürfe, drei sehr unterschiedliche Schicksale. Besonders eindrucksvoll fand ich, wie eng Röhrig das private Leben der Figuren mit der politischen Entwicklung verknüpft: das Erstarken der Nazis, das Agieren Goebbels’, das allmähliche Verschwinden von Freiheit und Öffentlichkeit. Was das Buch für mich stark macht, ist genau diese historische Einbettung. Man bekommt ein sehr klares Gefühl dafür, wie sich der Alltag für Künstler Schritt für Schritt verengt hat – und warum Kästners Verhalten bis heute Fragen aufwirft. Gleichzeitig bleibt der Roman bewusst an der Oberfläche. Innere Konflikte, Schuldgefühle oder Ängste Kästners werden kaum ausgeführt. Gerade nach den tragischen Todesfällen seiner Freunde wirkt seine Figur fast erschreckend unberührt. Ob das eine Schwäche oder eine bewusste Entscheidung ist, muss jeder selbst entscheiden. Für mich blieb nach der Lektüre vor allem eines: der Wunsch, weiterzulesen, nachzuforschen, mir ein eigenes Bild zu machen.“

Vom Buchrücken: Der Musterknabe mit der spitzen Feder. 1927: Der Hauptstadt wird er’s schon zeigen! Erich Kästner genießt die Cafés, die Theater, die Weltoffenheit und den kritischen Geist Berlins. Er und seine Freunde glauben, die politischen Entwicklungen im Blick zu haben, doch sie müssen ohnmächtig hinnehmen, was hinter den Kulissen bereits vor 1933 Gestalt annimmt: Unterdrückung der Freiheit, ein neuer Krieg und das Ende ihres Glaubens an die eigene Unverwundbarkeit…

ISBN: 978-3-492-07245-8

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