Die schöne Frau Seidenman von Andrej Szczypiorski

Wiederentdeckt von Renate Natterer

„In dem Roman „Die schöne Frau Seidenman“ zeichnet Andrzej Szczypiorski ein eindringliches Bild des moralischen Ausnahmezustands im von den Nationalsozialisten besetzten Warschau. Im Mittelpunkt steht eine jüdische Frau, die mithilfe falscher Papiere im Untergrund lebt – weniger als individuelle Heldin denn als Spiegel für die Schuld, Angst und das Opportunismus der Menschen um sie herum. Der Roman erzählt in knapper, episodischer Form und verzichtet bewusst auf Pathos und eindeutige Urteile. Szczypiorski zeigt, wie brüchig moralische Maßstäbe unter extremen Bedingungen werden und wie schmal die Grenze zwischen Mitmenschlichkeit und Selbstschutz ist. Gerade diese Zurückhaltung verleiht dem Text seine zeitlose Kraft. Fazit: Als literarische Wiederentdeckung erweist sich „Die schöne Frau Seidenman“ als überraschend aktueller Roman über Verantwortung und moralische Grauzonen. Ein stilles, kluges Werk, das auch heute noch zum Nachdenken zwingt – und das erneute Lesen mehr als verdient.“

Zum Autor: Andrzej Szczypiorski (1928–2000) war ein polnischer Schriftsteller, Essayist und politischer Publizist. Während der deutschen Besatzung Polens beteiligte er sich 1944 am Warschauer Aufstand und wurde nach dessen Niederschlagung in ein Konzentrationslager deportiert. Diese prägenden Erfahrungen von Widerstand, Verfolgung und Gewalt bilden einen zentralen Hintergrund seines literarischen Schaffens. In seinen Romanen und Essays setzte sich Szczypiorski intensiv mit Fragen von Schuld, Verantwortung und moralischer Ambivalenz auseinander, insbesondere im Kontext von Krieg und totalitären Systemen. Sein Werk ist geprägt von einer nüchternen, reflektierenden Erzählweise, die auf einfache Urteile verzichtet und stattdessen die Grauzonen menschlichen Handelns sichtbar macht. Szczypiorski war Mitglied des PEN-Zentrums und engagierte sich zeitlebens für Meinungsfreiheit, politische Aufklärung und die Bewahrung historischer Erinnerung.

ISBN: 978-3-257-07235-8 (HC) 978-3-257-21945-6 (TB)

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